Eins vorweg: Was kommt, ist nicht lustig. Sollten mir (was gelegentlich vorkommt) ernstere Themen unter die Finger kommen, flüchte ich zumeist in einen sarkastischen Tonfall, der mich davor bewahrt, mich in geschriebener Form so richtig auszureihern. Genau das muss heute aber einfach mal sein.
In ganz Europa gibt es ein Phänomen, dass in den verschiedenen Landessprachen unterschiedliche Bezeichnungen hat. Egal, ob es nun "botellón", "binging", "Riesen-Aperitif" oder "Komasaufen" heißt - man kennt das Thema.
Die (von einigen vermutlich so empfunden) einzigen Nebenwirkungen? Ein dicker Kopf, Übelkeitsgefühl, jemand anderes muss fahren.
NICHT MEHR LANGE, LIEBE JUGENDLICHEN!
Lobpreiset und ehret "Outox", Euer ewiglich Leid Linderung in Viertelliterdosen (und schon ist er wieder da, der Sarkasmus...)!
Was die Welt kostet, wird oft gefragt. Statt der studiVz-Gruppen-zitierten kleinen Cola greift die junge Generation schon bald zu Outox. Was das kostet? Drei Euro Neunzig für Nullkommafünfundzwanzig Liter.
Zeit, uns das genauer anzusehen.
Outox ist ein seit vergangenem Freitag erhältliches Getränk in schwarz-orangenen Dosen. Es schmeckt wie Brause, ist relativ teuer (s.o.) aber - und jetzt kommts - sorgt dafür, dass der Alkohol, der zuvor konsumiert wurde, viel schneller abgebaut wird.
Soweit die
Nun mal weg von Heiti-Teiti und nüchterner Präsentation der Sachlage: Die Damen und Herren bei Outox International scheinen hinter dem Mond, zumindest aber erdfern zu wohnen.
Man stelle sich vor: Der Sohnemann trifft sich abends mit ein paar Freunden im Park - die französische Trinkkultur eifert der Spanischen nach, die vor einiger Zeit (als der Verfasser dieser Zeilen noch zur Schule ging) dahinter kam, dass Freilufttrinken mit Freunden, Feinden und Fremden doch überhaupt am meisten Spaß macht. Botellón heißt das Ganze in Spanien, übersetzt etwa "Riesenflasche" - schließlich mischt man selbst. In 1,5l-Flaschen.
Zurück in Frankreich. Sohnemann haut sich mit Bekannten so richtig einen in die Hirse. Laufen ist nicht mehr, sitzen geht. Gut, Auto fahren muss er wohl noch - aber er hat ja Outox.
Eine ganze Dose der Wunderbrause zieht er sich rein, nach kurzer Wartezeit erinnert sich sein traniges Hirn an die Wirkung des "Safety Drinks". Auf dem Weg nach Hause kommt er im Stadtzentrum von der Straße ab, rammt eine Straßenlaterne und stirbt noch im Auto. Von der Outox-Homepage winkt fröhlich der lustige Roboter...
Dass gerade Jugendliche von dem Gedanken gelockt werden, nach dem Trinken (Outox sei Dank!) noch Auto fahren zu können, ist die vorherrschende Sorge unter Medizinern und Experten.
Ich unterstelle den Machern solcher "Wunderprodukte" und in diesem speziellen Fall Outox International grobe Unfähigkeit, die Macht von Gruppensituationen und das labile Meinungsbild von Jugendlichen einzuschätzen. Würde ich das nicht tun, müsste ich annehmen, dass sie aus rein finanziell motiviertem Kalkül schwer Verletzte und Tote in Folge von Leichtgläubigkeit gegenüber dem von ihnen propagierten Getränk in Kauf nehmen.
Das Aufkommen eines "Wundermittels" gegen die Wirkung von Alkohol ist ein Schlag ins Gesicht derer, die Freunde und Angehörige in Verkehrsunfällen verlieren, in denen ein Fahrer getrunken hat. Outox wird die Zahl derer, die sich sicher genug fühlen, weiter erhöhen - mit einem Ausgang, über den man nicht nachdenken möchte.
Es ist weiterhin eine Zumutung gegenüber Allen, die seit Jahren für Aufklärung und für weniger Verkehrstote kämpfen.
Straight Edge hin oder her: Die Ablehnung von Alkohol ist in der heutigen Zeit die Ausnahme, nicht die Regel. Meine persönliche Haltung beiseite gelassen bleibt eine Tatsache: Wer nicht trinkt, fällt auf. Outox zeigt: Das Ende der Fahnenstange ist noch lange nicht erreicht.
1 Kommentare:
/Sign!
Ich finde es erschreckend, wie Firmen bisweilen den maximalen Profit vor dem moralischen Grundsatz stellen und nach immer neuen Zielgruppen suchen (und fündig werden). Ich mein klar ist es naiv zu denken, das solche Unternehmen sich um das Wohl ihrer Konsumenten sorgen. Aber mal ernsthaft: Irgendwo muss doch auch mal gut sein?
Damit zu werben, dass dieses Getränk den Alkoholgehalt im Blut schneller abbaut und somit einer Revolution gleichkommt, ist mehr als fragwürdig, wenn nicht sogar heuchlerisch. Was soll in dem Getränk bitte stecken, was das bewirkt. Ich halte das sehr unrealistisch und gefährlich. "Outox - the Safety Drink" - Das grenzt schon an schwarzen Humor!!!
Es ist doch wohl selbstverständlich, dass sich die Kids von heute dann mit drei vier Dosen davon eindecken und dann denken, sie könnten das Drei- oder Vierfache vertragen. Die werden noch ihr blaues Wunder erleben. Fürchterlich auszudenken, was alles passieren kann...
Die Wirksamkeit von Werbung/Marketing ist einfach nur schwer entgegenzuwirken in der heutigen Zeit. Die meisten denken halt auch, dass "Bononi - Zaubertrank der Südsee" das Körpergefühl verbessert...
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